Was arbeitet man denn in der Praxisphase? Teil 2

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

 

in meinem letzten Beitrag habe ich die ersten zwei Praxisphasen vorgestellt. Heute möchte ich euch ein bisschen über die Projektarbeit im zweiten Studienjahr berichten.

Das zweite Studienjahr umfasst 31 Wochen im Unternehmen und ist damit deutlich umfangreicher als das erste Studienjahr (25 Wochen). Im zweiten Studienjahr schreibt man die T2000, das ist eine Projektarbeit mit einem Umfang von 50-70 Seiten und einer ausführlichen Literaturrecherche. Genauere Informationen zu allen Projekt- und Studienarbeiten findet man auf der Seite der DHBW.

Die Ausarbeitung wird durch einen Kollegen, meistens der Führungskraft, betreut und anschließend bewertet. Die schriftliche Ausarbeitung ist dann die Grundlage für die T2000-Prüfung. Am Ende des zweiten Studienjahrs wird ähnlich wie bei dem mündlichen Abitur zunächst in einer Präsentation das erarbeitete Thema vorgestellt und anschließend stellt die Prüfungskommission Fragen. Die Fragen stehen im Bezug zum Thema und prüfen das Wissen der ersten vier Semester ab. Die schriftliche Arbeit sowie die mündliche Prüfung ergeben dann eine Gesamtnote mit 20 Credits.

 

Wenn man Freunden erzählt was man so macht und man dann den Titel der Arbeit nennt, dann wird man immer wieder gefragt ob es denn schwer ist ein solches Projekt umzusetzen. Deshalb an dieser Stelle noch eine kurze Anmerkung vorweg. Am Anfang ist man nicht in der Lage das Ziel zu greifen, sonst müsste man ja nichts mehr viel Arbeiten. Von daher ist es schon manchmal so, dass man sich fragt ob man das kann was einem anvertraut wird. In der Regel hat man ja aber auch viele Wochen Zeit, man hat genügend Ansprechpartner und dann ist es nicht so schwierig, wie es sich vielleicht zunächst anhört.

 

Ich habe meine T2000 im Vertrieb Deutschland geschrieben. Die Aufgabe bestand darin, einen großen deutschen Kunden zu analysieren. Hierzu zählten nicht nur die Produkte, sondern vor allem auch die internen Strukturen von Festo. Das hört sich im ersten Moment seltsam an – die inneren Strukturen sind doch bekannt. Wenn man aber versucht konkrete Ansprechpartner zu definieren, die vor 40 Jahren ein ganz bestimmtes Teil entwickelt haben, dann wird die Sache schon komplizierter.

 

Im Rahmen meiner Arbeit soll ein Tool entwickelt werden, das Vertriebsingenieuren die Möglichkeit bietet, schnell auf die Anfragen eines Kunden zu reagieren. Der Vertriebsingenieur soll hierbei Zugriff auf alle Projekte des Kunden erhalten und zu jedem Projekt alle zugehörigen Mitarbeiter angezeigt bekommen. Vor allem bei kundenspezifischen Produkten, die schon vor mehreren Jahren entwickelt wurden, ist dies von größerer Bedeutung. Im Falle einer Frage, kann so der Entwickler direkt darauf angesprochen werden. Natürlich gibt es bereits Programme, mit denen jegliche Daten von Kunden auf einem Blick erfasst werden können, doch die internen Strukturen sind dort bisher noch nicht hinterlegt. Die angestrebte Lösung ist ein projektbezogenes Datenblatt für eine Situation beim Kunden, an dem sich der Vertriebsingenieur orientieren kann, um Zeit, Kosten und Aufwand bei der Unterstützung des Kunden einzusparen. Mithilfe dieses Tools sollen zudem der Product LifeCycle und die zugehörigen Absatzzahlen dem Vertriebsingenieur vor Ort angezeigt werden. Die theoretische Grundlage die der Arbeit zu Grunde liegt ist das Wissensmanagement im Unternehmen.

Für uns Menschen ist Lernen etwas ganz natürliches. Jede Wahrnehmung und Erfahrung wird von unserem Gedächtnis gespeichert und uns für unser Handeln zu Verfügung gestellt. Somit ist, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen, unser gespeichertes Wissen für unser Handeln nutzbar. In Organisationen ist dies oft nicht auf natürliche Art und Weise der Fall. Informationen und Wissen sind in Datenbanken gespeichert, in Ordnern abgelegt und im Erfahrungsschatz von Mitarbeitern gespeichert. Es ist keinesfalls selbstverständlich, dass das Wissen immer der gesamten Organisation auf so natürliche Weise zur Verfügung steht, wie es beim Menschen der Fall ist. Hier setzt Wissensmanagement an. Wissensmanagement ist ein zusammenfassender Begriff, für alle strategischen und operativen Tätigkeiten und Managementaufgaben, die auf den bestmöglichen Umgang mit Wissen abzielen. „Wissensmanagement ist ein systematischer und strukturierter ganzheitlicher Ansatz, der implizites und explizites Wissen im Unternehmen als strategische Schlüssel-Ressource versteht und daher darauf abzielt, den Umgang mit Wissen auf allen Ebenen nachhaltig zu verbessern, um Kosten zu senken, Qualität zu steigern, Innovation zu fördern und Entwicklungszeiten zu verkürzen.“ * Wissensmanagement ist somit gezieltes Management, das sowohl verborgenes Expertenwissen, als auch dokumentiertes Wissen mitberücksichtigt.

 

Im Vergleich zu meinem Projekt aus dem ersten Studienjahr ist die Arbeit komplexer und das Ergebnis erleichtert unseren Vertriebsingenieuren, die für diesen einen Kunden zuständig sind die tägliche Arbeit. Für kommende Kunden dieser Größe wird das Tool dann als Grundlage verwendet.

 

Ich möchte euch noch ein paar Titel von meinen Kollegen mit auf den Weg geben, damit ihr einen Überblick über mögliche Themen bekommt. Besonders gut erkennt man aber, für was ein Wirtschaftsingenieur im Unternehmen eingesetzt wird.

 

  • Steigerung der Liefertreue durch Einführung einer Anlagenverfügbarkeitskennzahl für das interne Logistiksystem
  • Entwicklung von Trainingssynergien für den Einkauf in China am Beispiel der Sourcing Hubs
  • Marktpotenzialanalyse zur Bestimmung des italienischen Pneumatikmarktes anhand verifizierter Methodik
  • Determination of indicators for the establishment of marketing efficiency
  • Development of a Business Framework for Product Analysis

 

Ich hoffe ihr habt nun einen kleinen Überblick, was im zweiten Jahr in der Praxis auf einen zukommen kann. Im nächsten Beitrag (24.05.) werde ich euch ein Projekt aus der Theoriephase vorstellen, denn auch da müssen ab und zu Projekte seitens der DHBW umgesetzt werden. Wenn ihr Vorschläge für Themen habt, über die ihr gerne mehr wissen möchtet, dann schreibt diese in die Kommentare.

 

 

Viele Grüße

Philipp

 

* Quelle:

Abecker, Andreas (Hg.) (2002): Geschäftsprozessorientiertes Wissensmanagement. Effektive Wis-sensnutzung bei der Planung und Umsetzung von Geschäftsprozessen. Berlin: Springer (Xpert.press).

 

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